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Urban Landscape
29. April 2020

Community Check #3

Bei NXT A steht das A für architecture – und für die Menschen dahinter. In unserer neuen Porträt-Serie stellen wir Euch kluge Köpfe der Architektur-Szene vor: Was bewegt sie? Was lesen sie? Worüber denken sie nach? Und welchen Blick haben sie auf die Welt? Wir haben nachgefragt, Ihr geantwortet. Urbanist Mark Kammerbauer hatte Spaß an kurzen Antworten

Der Urbanist und Architekturforscher Mark Kammerbauer hat in den letzten zwölf Jahren die sozial-räumlichen Auswirkungen von Krisen und Umweltkatastrophen in den USA, Australien, den Philippinen und Deutschland untersucht. Er befasst sich mit Risiken und Resilienz in Stadtplanung, Städtebau und Architektur und schreibt für unsere Architekturmarken BAUMEISTER, topos und NXT A. Mark Kammerbauer betreibt die „Nexialist Agency for Research and Communication“ – der zugehörige Instagram-Name: @nexialistagency

Dein Must-Have-Designerklassiker?
Die Les Paul. Weil Bill Steer sie spielt.

Warum?
Die Gibson Les Paul spielt als Musikinstrument eine besondere Rolle, wenn es bei einem Designklassiker darum geht, schön, gut und nützlich zu sein. Sie ist ein kreatives Werkzeug und sollte nicht nur in der Ecke stehen, um für immer und ewig zu verstauben. Davon abgesehen, habe ich mir das „Haben“ von Dingen abgewöhnt. Ich habe an so vielen verschiedenen Orten der Welt gewohnt, an denen ich nur mit einem Koffer und einem Rucksack angekommen und trotzdem gut zurecht gekommen bin. Dementsprechend bin ich eher ein Sammler von Medien oder Eindrücken, als von Objekten. Letzten Endes glaube ich auch, dass das „Nicht-Haben“ im Vergleich zum „Haben“ ein wesentlich interessanterer und psychologischerer Zustand ist. Die Leere oder „Mu“, wie es die Japaner nennen, ist ein sehr inspirierendes Phänomen oder vielmehr die Abwesenheit davon. Das hat auch mit der Intensität von Verlusterfahrungen zu tun und damit, wie sinnlos es ist, zu versuchen, etwas „zurückhaben“ zu wollen. Die Zeit verläuft ausschließlich in eine Richtung – nämlich nach vorne: 9/11 war hier sicher ein Schlüsselerlebnis. Danach hat sich auch in meiner kreativen Arbeit ein prinzipieller Wandel eingestellt – hin zu einer freien, vielleicht improvisatorischen Form des Ausdrucks. Womit wir wieder bei der Musik wären. Sie drückt diesen Umstand auf einer fundamentalen Ebene aus: Was da ist, ist da. Was weg ist, ist weg. What you get for a song you won’t have for long.

Welche Serie schaust Du gerade am liebsten und warum?
Im Moment wieder „LOST“, von Anfang an. Die Folgen, in denen Figur Hurley im Mittelpunkt steht, haben einfach Herz.

Was ist Dein Lieblingsrezept?
Spaghetti with Meatballs. I’m a Jersey Kid.

Was wird das erste sein, was Du nach der Ausgangsbeschränkung tust?
Mich freuen.

Worin siehst Du bei den aktuellen Geschehnissen um Covid-19 die Herausforderung/Chance Deiner Branche?
Bei der Sache bleiben.

Inwiefern?
Für mich ist es nicht konstruktiv, mich einer bestimmten Branche zuzuordnen. Damit ist das „Dazugehören“ angesprochen und da verhält es sich ähnlich wie bei dem „Haben“. Ja, ich habe Architektur studiert und als Architekt gearbeitet. Bereits im Studium habe ich jedoch eine eigene Perspektive zu meiner kreativen Arbeit entwickelt. Das hat sicher damit zu tun, dass ich bereits lange vor meinem Studium grafisch und mit Tusche tätig war. Wenn man in der Schule Karikaturen macht, lernt man, die Realität genau zu beobachten, um sie gnadenlos zuzuspitzen. Damit ist ein Risiko verbunden, man macht sich nicht nur Freunde. Ironischerweise hatte diese Art zu zeichnen, mit CAD sein Ende gefunden und damit auch das Zen des Zeichnens oder die Chance, über das Zeichnen nach 20 oder mehr Stunden einen transzendentalen Zustand zu erreichen. CAD hat diesem Mantra ein Ende gemacht.

Gleichzeitig aber erlaubten Computer meinen ernsthaften Einstieg in die Musik. Vorher hatte ich schon lange Tape-Experimente gemacht. Mein Zugang zum Musikmachen hat daher einen sicherlich konstruktiven Aspekt. Die Basis der Gesamtheit dieser Tätigkeiten ist jedoch der Text durch seine fundamentale Kraft zur Strukturierung der Realität. Ist es dann so, dass ich Musiker bin, wenn ich Musik mache? Dass ich ein Architekt bin, wenn ich ein Haus entwerfe? Dass ich ein Grafiker bin, wenn ich zeichne – oder dass ich ein Autor bin, wenn ich schreibe? Aus dieser Sicht darf eine Branche, außer vielleicht der rechtlichen Dimension, keine Befugnis über das Werk haben.

Damit ist auch die Frage nach den Herausforderungen oder Chancen der gegenwärtigen Krise beantwortet: Sie sind weniger branchenbezogen als von der individuellen Kraft und Motivation abhängig.

Titelbild: Urbanist Mark Kammerbauer hat Freude an kurzen Antworten und der Les Paul. Foto: Privat
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