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Urban Landscape
20. September 2020

Community Check #14

Bei NXT A steht das A für architecture – und für die Menschen dahinter. In unserer Porträt-Serie stellen wir Euch kluge Köpfe der Architektur-Szene vor: Was bewegt sie? Was lesen sie? Worüber denken sie nach? Und welchen Blick haben sie auf die Welt? Wir haben nachgefragt, Ihr geantwortet. Gemeinsam bilden Sebastian Sowa und Gianluca Torini das Landschaftsarchitekturbüro SOWATORINI. Wir haben mit beiden gesprochen

Sebastian Sowa wuchs im Ruhrgebiet auf, studierte Germanistik und Geschichte und wurde Landschaftsgärtner. Der Deutsche Junggärtner-Meister von 2005 arbeitete als Wandergeselle bei der Deutschen Exportbaumschule Bruns und studierte danach an der TU Berlin und der TU München Landschaftsarchitektur und Landschaftskunst an der Folkwang Universität der Künste. Er arbeitete als Landschaftsarchitekt in Zürich, Basel und Hamburg. Er lehrt an Kunsthochschulen und Universitäten.

Gianluca Torini, geboren und aufgewachsen in Berlin, ist seit 2010 Landschaftsarchitekt und Vater, ansonsten gerne unterwegs in anderen Feldern der Gestaltung. Er arbeitet auch als freier Illustrator sowie Designer und denkt gern im Spannungsfeld von Digitalem und Landschaft.

Seit 2016 arbeiten die beiden gemeinsam in den Bereichen Landschaft, Garten und Kunst als SOWATORINI Landschaft.

Wie habt Ihr euch gefunden? Wie kam es zur Bürogründung SOWATORINI?
Wir haben gemeinsam das Studium an der TU Berlin begonnen. Nach zwei Semestern haben sich unsere Wege getrennt. Wir haben dann, von München und Berlin aus, vorwiegend temporäre Installationen geplant und gebaut sowie an Ideenwettbewerben teilgenommen. Es wurde peu á peu so arbeitsintensiv, dass wir 2016 das Büro gegründet haben. Natürlich in der Hoffnung, die eigene Haltung zu vertreten, kompromisslose Ideen und poetische Atmosphären zu entwerfen, zu planen und gemeinsam mit anderen zu erleben.

Woran arbeitet SOWATORINI gerade?
Wenn wir in unsere Projektliste gucken: Der Platzentwurf „Sterntaler“ ist gerade im Bau, eine Kita und zwei Privatgärten sind in der Planung. Die temporäre Installation „Brettspiel“ steht noch einige Wochen auf dem Husemannplatz in Bochum. Das Projekt „Colors of Métis“ erlebt in den kommenden Wochen als „Die Farben von Altenessen“ an einer Förderschule eine Neuauflage. Parallel arbeiten wir an einigen Wettbewerben und einem Bilderbuch.

Was macht das Büro SOWATORINI besonders?
Wir denken die Projektliste zeigt, dass wir in der jetzigen Struktur viele Freiheiten haben, die wir uns auch weiter nehmen wollen. Das war kein gesteuerter Prozess, sondern wurde uns während des langsamen Wachstums unseres Büros in den letzten Jahren erst allmählich klar. Wir sind dafür sehr dankbar und wollen das unbedingt erhalten.
Wir setzen uns in ganz unterschiedlichen Formaten intensiv mit Landschaft auseinander. Wir können uns den Luxus erlauben, an Wettbewerben teilzunehmen, nicht um zu gewinnen, sondern um unsere Position zu vertreten, in der Hoffnung, dass sie auch die Jury überzeugt.
Um den Koch René Redzepi zu zitieren: „Business ist der Tod der Kreativität!“ Wir wollen weiterhin Gärtner und Landschaftsarchitekten sein, wollen kreativ arbeiten – und kein Unternehmen führen. So macht uns die Arbeit Freude.

Apropos Freude – was hat Euch zuletzt begeistert?
Gianluca: Mein Sohn und ich konnten diesen Sommer im Garten Grauschnäpper beobachten, die mit erstaunlichen Manövern fliegende Insekten direkt aus der Luft schnappten. Unsere Münder standen offen. Wahnsinn!
Sebastian: Als eines von vielen Erlebnissen, die mich begeistert haben: das Land-Art Projekt von Daniel Pohl, der seit vielen Jahren am Nordufer des Harkortsees, einer der Ruhr-Stauseen, bildhauerisch in anstehenden Ruhrsandstein arbeitet. Er bricht und bearbeitet die Steine vor Ort, und baut daraus Mauern, die wiederum Terrassen ausformulieren, die sich in die zerklüfteten Felsen einfügen. Einige der Terrassen sind große Sockel. Daniel Pohl bricht von Hand tonnenschwere Monolithen aus dem darüberliegenden Fels und lässt das Gestein als Skulptur auf die Sockel fallen. Großartig!

Gianluca, was sind Deine Lieblings-Social Media-Accounts und warum sind die für Dich spannend?
Ich mag Instagram-Accounts, wenn sie auf die Arbeiten des Kreativen oder Künstlers fokussiert sind. Zur Zeit meine Favoriten: Jan Erichsen, der mich mit seiner Kunst immer wieder zum Schmunzeln bringt. Zach Liebermann, mein Favorit in der digitalen Kunstszene, der mich immer wieder zum Staunen bringt. Und Benedetto Bufalino, der mich mit seinen großartigen Transformationen tatsächlich schon einige Male zum Lachen gebracht hat.

Sebastian, was ist Dein Must-Have-Designerklassiker?
Für mich das String-Regal von Kaysa und Nisse Strinning, weil mein Vater seinen Dubbel darin stehen hatte und ich mein Lob der Sinnlichkeit und die Abenteuer von Tom Sawyer. Was zeigt: Es gibt schöne Dinge – aber es gibt viel schönere Geschichten.

Welche Podcasts hört Ihr gerade am liebsten und warum?
Sebastian: Der Koch und der Gärtner sind wesensverwandt. „WDR 5 – Alles in Butter“ ist der einzige Podcast, den ich (jemals) gehört habe und den ich seitdem von Zeit zu Zeit verfolge. Ich esse und koche sehr gerne und ich mag die Stimme von Helmut Gote, dem WDR-Radio-Koch. Neben den wunderbaren Rafinessen, geht es oft um das einfach Gute. Genauso wie draußen im Garten.
Gianluca: Ich bin eigentlich kein Podcast-Hörer, aber ich genieße es sehr, mit meinem Sohn „Ausgestorben – Der Dinosaurierpodcast“ zu hören. Wir freuen uns beide, wenn eine neue Folge erscheint und wir auf entspannte Weise neueste Infos aus der Dinosaurierfoschung erhalten. Größter Schock bisher: Den Triceratops gab es gar nicht!

Was sind Eure Lieblingsplätze in Euren jeweiligen vier Wänden bzw. in Eurer Stadt?
Gianluca: Ich könnte weder zu Hause noch in der Stadt einen definitiven Lieblingsplatz bestimmen. Das ist stark situations-, tageszeit- und stimmungsbedingt und reicht von Kinderzimmer, Sofa, Küche, Toilette, Bett, Arbeitsplatz, Badesee bis überall dahin, wo ich meinen Laptop aufklappen kann.
Sebastian: Zu Hause ganz klar die Küche. Sie ist bei uns der Dorfplatz der Familie. Ich liebe es hier zu stehen, selbst zu kochen oder meine Frau und Kinder beim Kochen zu beobachten. In der Stadt: Block Q des Ruhrstadions an einem regnerischen Freitagabend.

Mit welcher Persönlichkeit würdet Ihr gerne einmal zu Abend essen?
Gianluca: Werner Herzog oder Daniel Schiffmann. Beide haben viel zu erzählen, es kann bei beiden spannend und witzig werden. Und ich kann beiden dabei gerne länger zuhören.
Sebastian: Kurt Tucholsky und Herbert Grönemeyer. Beide witzig. Beide ernst. Beides braucht man ja für ein gutes Gespräch. Und beide Essen (soweit ich weiß) gerne und gut.

Zurück zu SOWATORINI – Wie habt ihr als Büro auf die aktuellen Geschehnissen um Covid-19 reagiert?
Wir haben leider ein Praktikum bei uns vorzeitig beenden müssen. In der Folge haben sich ein paar Projekte verschoben, ansonsten haben wir die üblichen Vorkehrungen getroffen und keine besonderen Maßnahmen ergreifen müssen. Die digitale Vernetzung ist in unserem Büro, aufgrund der beiden Standorte in Berlin und Bochum, ohnehin Teil unseres Lebens.

Worin seht Ihr bei den aktuellen Geschehnissen um Covid-19 die Herausforderung/Chance Eurer Branche?
Neben den erschreckenden Konsequenzen erleben wir seit den Lockerungen der Restriktionen eine in Anspruchnahme öffentlicher Platzräume, die uns gefällt. Grundsätzlich sind wir als Landschaftsarchitekten ja oft die letzten in der Reihe, auch wenn es um die Finanzierung geht. Aber wir denken, dass sich einmal mehr gezeigt hat, wie wichtig öffentliche Parks und Freiräume für die Menschen in der Stadt sind. Wir können die Hoffnung haben, dass sich das Bewusstsein weiter durchsetzt, dass wir, im Kleinen wie im Großen, gut gestaltete Freiräume brauchen.

Interview: Jessica Mankel

Gianluca Torini und Sebastian Sowa: „Wir wollen weiterhin Gärtner und Landschaftsarchitekten sein, wollen kreativ arbeiten – und kein Unternehmen führen.“ Foto: Alexander Luna
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