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Architecture
05. April 2020

Co-Designer einer Ikone

Sein erster Bau wurde gleich sein bekanntester. Mit 26 Jahren erreichte Michael McKinnell bereits den Gipfel seiner Karriere. Die 1969 eröffnete Boston City Hall ist bis heute der Inbegriff des Brutalismus. Am 27. März 2020 verstarb der Architekt mit 84 Jahren an einer COVID-19-bedingten Lungenentzündung

Nachdem er ein Fulbright-Stipendium an der Columbia University gewonnen hatte, verbrachte der in England geborene Michael McKinnell seine gesamte berufliche Laufbahn in den USA. 1962 eröffnete er mit seinem deutschstämmigen Professor Gerhard Kallmann und Edward Knowles ein gemeinsames Büro. Ihr erstes Projekt war die Umsetzung des Entwurfs, mit dem sie zuvor den Bostoner Rathauswettbewerb unter 256 Einsendungen gewonnen hatten.

Mit der tief eingelassenen Betonfassade war das monumentale Gebäude mit einem riesigen Vorplatz Ausdruck bürgerlicher Macht und zugleich kontrovers diskutiertes Symbol des demokratischen Wandels hin zu einer fürsorglichen Stadt. Auf die öffentlichen Bereiche traf man unten. Ratssäle und das Bürgermeisterbüro lagen darüber. Mit der Zeit traten wegen fehlender Instandhaltung zunehmend funktionale Mängel auf und die kritischen Stimmen mehrten sich, wodurch sogar 2006 der Abriss drohte. Bürgermeister Thomas Menino plante das Grundstück an private Investoren zu verkaufen und das Rathaus an anderer Stelle neu zu bauen. Die Rezession verhinderte aber das Vorhaben.

Im vorigen Jahr kündigte man anlässlich des 50. Geburtstags Anpassungen an, um die brutalistische Ikone zu retten. Senatssaal, Lobby und Außenbeleuchtung sind, ohne die Substanz zu zerstören, modernisiert worden. Der Vorplatz, der im ursprünglichen Entwurf Geschäfte und Cafés vorsah, soll mit Bäumen und Bänken aufgewertet werden. Weitere Bauten, die auf das Konto von McKinnell gehen, sind das Hynes Convention Center in Boston, die American Academy of Arts and Sciences in Cambridge und das Independence Visitor Center in Philadelphia.                                                Als Professor am Massachusetts Institute of Technology und an der Harvard Graduate School of Design gab McKinnell sein Wissen an folgende Generationen weiter. Er ist der dritte Verlust in der Architekturwelt infolge der Coronavirus-Pandemie. Der amerikanische Architekt, Autor und Pädagoge Michael Sorkin (NXT A-Feed dazu folgt) und der modernistische italienische Architekt Vittorio Gregotti kamen zuletzt durch Covid-19 ums Leben.

Text: Alexandra Wach

 

Titelbild: Michael McKinnell, einer der Architekten hinter der brutalistischen Rathaus-Ikone von Boston, verstarb Ende März 2020. Foto: Wikimedia Commons / Daniel Schwen 2010
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