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Digitisation & Virtualization
29. Mai 2020

Start-up – Im Gespräch mit Archilyse

Wir treffen uns in unserer neuen Serie "Start-up" mit Gründern von Start-ups aus der Baubranche. Von digitalen Prozessmanagement Tools für Bauprojekte, über 3D-Druck von architektonischen Strukturen hin zu Tech Tiny Houses – immer mehr junge Unternehmen beschäftigen sich mit innovativen Lösungen für das Bauen, Planen und Betreiben von Immobilien. Das bedeutet frischen Wind für die sonst eher konservative Baubranche, bei der der digitale Wandel nicht ganz angekommen zu sein scheint. Heute stellt sich Matthias Standfest, Gründer und CEO von Archilyse der Fragen der Redaktion. Das Schweizer Start-up Archilyse ist ein Spin-off der ETH und macht Architektur objektiv messbar und analysierbar

Archilyse in drei Sätzen:
Archilyse digitalisiert und analysiert Grundrisse objektiv und konsistent – auch über große Portfolios hinweg. Die Ergebnisse setzen wir in Simulationen und Kennwerte um und dadurch können wir die Qualität von Grundrissen messen, vergleichen und die Objekte in eine Rangordnung bringen. Damit erhalten Kunden einen besseren Einblick in den architektonischen Wert ihrer Immobilien und können so bessere Geschäftsentscheidungen treffen.

Wie fing alles an?
Mit den Fragen: Was ist gute Architektur? Welche objektiven Kriterien können wir heranziehen, um Architektur zu optimieren? Ich komme ursprünglich aus dem Maschinenbau und dort kann man diese Fragen beantworten. Dies auch für die Architektur zu ermöglichen, hat mich von Beginn meines Architekturstudiums an beschäftigt. Ich habe an ETH Zürich und am FCL in Singapur erforscht, wie sich Architektur quantifizierbar auf den Menschen auswirkt, und schließlich darin promoviert, solche Werkzeuge über Machine Learning zu industrialisieren.

Als ich während meiner Promotion Kontakte in die Schweizer Immobilienbranche knüpfte, wurde mir klar, dass hier massive Datenpotenziale brachliegen. Darum begann ich, meine Forschung mithilfe neuartiger Digitalisierungsmöglichkeiten für die Praxis anwendbar zu machen.

 

Archilyse ist ein Spin-Off der ETH Zürich.

Wie kann man diese Daten für die Qualität von Architektur nutzen?
Bis dato gab es keine Möglichkeit, die Qualität von Architektur objektiv zu messen. Wenn wir über Architektur sprechen, sprechen wir immer von “Bauchgefühl” und Erfahrung; es gibt keine harten Metriken. Mit Archilyse sind wir nun der einzige Anbieter global, der eine eigentlich simple Frage evidenzbasiert beantworten kann: Welcher von zwei Grundrissen funktioniert besser?
Mit unserer Methode lassen sich neue Werkzeuge für Bewertung, Planung, Vermarktung und Beratung in der Immobilienbranche etablieren. Und dabei werden wir keinen Stein auf dem anderen lassen.

Wie verändert Euer Start-up die Baubranche?
Bevor es Archilyse gab, besuchte ein Makler eine Wohnung mit einer Checkliste für die Grundriss- oder Aussichtsqualität und beurteilte, wie gut diese abschnitt. Die Bewertungen waren zwangsläufig sehr unterschiedlich, da die Bewertung rein subjektiv war. Ob wir aber von einem Zimmer aus auf eine Ziegelmauer oder aber auf einen See schauen, beeinflusst, wie wir uns darin fühlen und den Raum nutzen. Die Quintessenz ist: Wenn man wissen will, wie ein Gebäude funktioniert und wie sich die Menschen darin verhalten und fühlen, muss man sowohl interne, als auch externe Parameter erfassen.

Mit Archilyse können wir heute aus einfachen Grundrissen sogar ab Papier umfangreiche Analyseergebnisse automatisch generieren. Wir konvertieren Grundrisse in 3D-Modelle und berechnen für jeden Quadratzentimeter unzählige Parameter.

Welche Parameter sind das?
Wir wissen für jede Adresse in der Schweiz, welche Berggipfel man von der Couch aus theoretisch sehen kann, oder wie viel Prozent des Ausblicks auf See oder Autobahn entfallen. Wir prüfen zudem die infrastrukturelle Anbindung und wissen nicht nur, wie lange man zur Stoßzeit von A nach B benötigt, sondern auch wie sicher der Gehweg der Kinder zu Krippe ist.
Helle Räume sind essenziell für unsere kognitiven Fähigkeiten, sommerliche Überhitzung durch zu viel Sonne wird mehr und mehr zum Problem. Wohnungen mit ausreichend abendlichem Sonnenlicht im Winter schneiden auf dem Markt besser ab. Das ist etwas, was kein Makler berücksichtigen könnte, denn es ist schwer zu sagen, ob es die Sonne im Winter über den gegenüberliegenden Bergkamm oder das gegenüberliegende Gebäude schafft.

Das Besondere ist, dass wir eine immer höhere Anzahl an komplexen Eigenschaften in unseren Analysen mit einbeziehen. Und diese Parameter sind eben nicht nur für die Preisgestaltung wichtig: Sie beeinflussen das Wohlbefinden der Menschen, lassen mitunter auf das Risiko häuslicher Gewalt oder die Schulnoten der Kinder schließen. Letztlich kann man mit unseren Werkzeugen genau identifizieren, welche Elemente man an Grundrissen ändern oder anpassen muss, um eine bessere Wohnqualität zu erzielen.

Und diese Wohnqualität lässt sich von allen Gliedern der Immobilien-Wertschöpfungskette zum Glück auch in Profit konvertieren.

Euer größter Erfolg bisher?
Der größte Erfolg für uns bisher ist die positive Resonanz führender Unternehmen der Branche. Mit verschiedenen Kunden konnten wir zeigen, dass wir durch die Zusammenarbeit großen Mehrwert generieren. Für Swiss Life haben wir etwa das gesamte Portfolio mit circa 35.000 Wohnungseinheiten digitalisiert und analysiert. Mit den Erkenntnissen geht das Unternehmen davon aus, dass es die Vermietbarkeit steigern und den Leerstand von Wohnungen reduzieren kann.
Wir arbeiten auch mit dem Immobilienmarktplatz ImmoScout24 zusammen. ImmoScout wird bald seine Anzeigen mit zusätzlichen Informationen bereichern, von denen einige Parameter von uns stammen. Oder aber auch Swiss Re, wo wir nun dabei helfen, global die Corona-Abstandsregeln in der Büroplanung besser umzusetzen.

Wie sieht Eure Vision für 2030 aus?
Architektur wird – auch dank uns – zu einer Ingenieursdisziplin, ähnlich wie der Maschinenbau, der sich vor circa 150 Jahren aus der Disziplin des Kunsthandwerks heraus entwickelt hat. Das heißt Architekturqualität wird demokratisiert werden und profane Architektur wird sich besser für die Herausforderungen der Zukunft wappnen können. Man kann nur besser machen, was man messen kann und dank uns wird Architektur besser werden.

Über den Interviewpartner: 

Dr. sc. Matthias Standfest studierte Maschinenbau, Architektur und Philosophie. Seine Doktorarbeit an der ETH Zürich legte den Grundstein für Archilyse. Das stark forschungsgetriebene ETH Spin-Off arbeitet seit 2017 daran, Architektur und Immobilien digital und objektiv messbar, vergleichbar und für jedermann verständlich zu machen.

Titelbild: Matthias Standfest ist Gründer und CEO von Archilyze. Sein Interesse Machine Learning mit Architektur zu verbinden kommt aus seinen unterschiedlichen Studiengängen: Maschinenbau, Architektur und Philosophie