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Architecture
08. September 2020

Architektur & Wein: Das Weingut Manincor in Südtirol

Architektur und Wein sind seit jeher miteinander verbunden: Angefangen bei römischen Höfen über Weinkeller in Klöstern bis hin zu Schlössern in Weinbergen. Gerade in den letzten dreißig Jahren möchten viele Winzer Ihren Gästen nicht mehr nur ein Geschmackserlebnis bieten, sondern auch die passende Raumerfahrung, wodurch die Weinarchitektur wieder an Bedeutung gewonnen hat. Parallel zu unserem Talk am 9.9. stellen wir Euch in dieser Woche ausgewählte Südtiroler Weingüter mit exzeptioneller Architektur vor.

Der Ansitz Manincor wurde zusammen mit einer kleinen Kapelle im Jahr 1608 erbaut. Das Wappen Man -in -cor („Hand-aufs-Herz“) kann man noch heute an der Südfassade des Gebäudes sehen. Im Jahr 1978 ging der Ansitz in das Eigentum der Familie der Grafen von Enzenberg über. Im Jahr 2001 wurde durch den renommierten Südtiroler Architekten Walter Angonese neben dem alten Schloss ein Neubau konzipiert, der größtenteils unterirdisch ist und daher kaum auffällt. Seitdem betreiben die Grafen von Enzenberg eine eigene Weinkellerei und liefern nicht mehr an umliegende Kellereigenossenschaften. Manincor gehört mit ungefähr 50 ha zu einem der größten Weingüter in Südtirol und verwendet ausschließlich eigene Trauben. Durch den aufsehenerregenden und architektonisch herausragenden Neubau wurde Manincor weltweit zu einem Beispiel gelungener Weinarchitektur.

NXT A hat mit Walter Angonese über das Projekt gesprochen:

Herr Angonese, wie sind für das Projekt Winzer und Architekt zusammengekommen?

Ich habe bereits einige Projekte mit Graf Georg von Enzenberg, dem Onkel von Michael Graf Goëss Enzenberg durchgeführt, daher ist dieser direkt auf mich zugekommen. Wir kannten uns bereits und sind gut befreundet. Ich bin ein großer Weinliebhaber und der Graf ist ein großer Architekturliebhaber, das hat also perfekt gepasst und hat sicherlich zum Erfolg des Projektes beigetragen.

Bereits um 1999/2000 gab es einen ersten Gedanken für die Konzeption eines Neubaus, das war die Zeit, in der es gerade losging mit der Weinarchitektur. Ich bin Ende 2001/Anfang 2002 extra für die Planung des Projekts nach Manincor gezogen und habe mit meinen „Sparringpartnern“ Rainer Köberl aus Innsbruck und Silvia Boday aus Bozen, die damals gerade frisch ihr Diplom hatte, die Planungen begonnen und Zeichnungen und Modelle angefertigt. Durch meine Weinaffinität konnte ich auch ein gewisses Fachwissen in den Entwurf einarbeiten.

Erzählen Sie uns doch bitte etwas mehr zur Planung des Entwurfs und dem Konzept!

Die Besonderheit bei Manincor ist, dass es sich um ein privates Weingut von einer solchen Größe, die es sonst eher bei Genossenschaften gibt, handelt. Wir konnten hier technische Innovationen und Neuerungen wie etwa die Technik des Natural Gravity Flow (ein Konzept für eine sehr schonende Verarbeitung der Trauben und die nachhaltige, energieeffiziente Vinifikation) in den Entwurf mit einbauen und dies von Anfang an einplanen. Es gab kein von vornherein festgelegtes Programm oder einen Plan, vielmehr hat sich das Projekt im Laufe der Zeit entwickelt und alle Beteiligten konnten ihren Input geben.

Dies ist das Besondere an dem Projekt, denn oft ist es so, dass Architekten ein Projekt planen und erst im Nachhinein etwas daran ändern, während bei uns die meisten Änderungen schon während der Planungsphase eingebaut worden sind.

Auf Manincor wurde schon seit Jahrhunderten Wein angebaut, bis in die 1970er Jahre war es ein eigenes Weingut, zwischen 1972-1996 Teil einer Genossenschaft und seit 2001 wieder zu einer eigenen Kellerei. Diese Umwandlung war für alle Beteiligten ein Lernprozess, der sich auch in der Konzeption des Umbaus widerspiegelt.

Wie wurde der Standort für den Neubau, der unmittelbar am Ansitz liegt, ermittelt?

Es war tatsächlich anfangs nicht klar, wo der Neubau entstehen sollte. Im Besitz der Grafen sind auch noch andere historische Weinhöfe in der Umgebung, wie Schloss Campan oder die Greifenburg, wo der Neubau ebenfalls hätte entstehen können. Wir haben daher zu jedem Standort eine Studie anfertigen lassen und dabei festgestellt, dass Manincor logistisch am besten liegt. Ursprünglich gab es noch die Überlegung, den Weinkeller an einem Ort und die technischen Anlagen an einem anderen Ort zu planen, aber letztendlich haben wir aus logistischen und praktischen Gründen beschlossen, alles an einem Ort zu belassen.

Der Neubau fügt sich sehr gut in die umgebende Landschaft ein – was war dafür wichtig bei der Planung? 

Manincor liegt am Kreuzleiten, einem Hügel in perfekter Lage, da mussten wir schauen, dass wir am richtigen Ort mit dem Bau anfingen. Wir mussten sozusagen für den Neubau das richtige „Tortenstück“ aus dem Hügel herausschneiden. Es handelt sich um einen fast vollständig unterirdischen Neubau, nach Ende der Bauarbeiten haben wir wieder etwa 2 m Erde aufgeschüttet, damit der Hügel in seiner ursprünglichen Form wieder vorhanden ist und haben die ursprüngliche Landschaft sozusagen wiederhergestellt. Da spielten natürlich auch landschaftsarchitektonische Aspekte eine Rolle, wir haben aber keinen Landschaftsarchitekten beauftragt.

Auf der neu aufgeschütteten Erde befinden sich nun Weinreben, sodass sich der Neubau perfekt in die Umgebung einfügt. Auf dem Grundstück gab es noch einen historischen Hühnerstall, an dessen Stelle nun das Weinverkaufslokal steht.

Auch alle verwendeten Materialien haben einen landschaftlichen Bezug, wir haben daher viel mit Sichtbeton und Cortenstahl gearbeitet.

Der Graf mag edle Einfachheit und wahre Größe, daher kam schnell die Idee auf, dass wir einen „Betonbau mit Anspruch“ bauen wollten. Der Cortenstahl sorgt gegenüber dem eher modern anmutenden Sichtbeton für das „Traditionelle“ – wir haben ihn mit Leinöl bearbeitet, wodurch der Stahl bronzeartig wirkt. Auch Holz als Material passt gut zur Umgebung und ist ebenfalls mit der langen Historie der Familie verbunden. Holz findet man aber eher im Weinverkaufslokal, dies besteht aus Holzsäulen mit einem Betondach.

Wie kam es zu der Idee der „unterirdischen“ Kellerei?  

Ausschlaggebend dafür war primär die Topographie, der Kreuzleiten, an dem Manincor liegt, ist ein Hügel, den man vielleicht mit der Form eines Guglhupfs vergleichen kann.

Wir wollten daher einen zurückhaltenden Kontrast zum Barockschloss schaffen. Ich sah es in meiner Verantwortung als Architekt, die Erhabenheit des Schlosses zu wahren und nicht durch den Neubau zurücktreten zu lassen. Wir haben quasi durch die Verlegung des Baus in den Hügel die Topografie neu interpretiert und so behutsam wie möglich in das bestehende Landschaftsbild eingegriffen.

Gibt es neben der „unterirdischen“ Bauweise eine weitere Besonderheit des Baus?

Für uns war es wichtig, dass man im Neubau die Stimmung über die Funktionalität der Räume erleben konnte. Der Keller ist einer der wichtigsten Räume, sozusagen ein „heiliger Raum“. Weiterhin sind die eigentlichen Lager- und Gärräume, im hintersten Teil, wo das Klima am stabilsten ist und verbinden sich mit den alten Kellern. Durch einen umlaufenden Befeuchtungs- und Belüftungsgang werden die unterirdischen Räume optimal mit Feuchtigkeit und Luft versorgt. Jeder Raum hat seine eigene Funktion, da  letztendlich der Wein und nicht die Architektur im Vordergrund stehen sollte.

Gab es während der Planung des Baus unerwartete Schwierigkeiten die man lösen musste oder wurde während des Baus auch etwas geändert?

Dadurch, dass Manincor ein sehr alter, traditionsreicher und denkmalgeschützer Ort ist, musste der Neubau von der Denkmal- und Landschaftsschutzbehörde genehmigt werden, das war ein zeitintensiver Prozess.

Ich bin der Meinung, wenn ein moderner Bau im Sinne des öffentlichen Interesses ist und Rücksicht auf die Umgebung nimmt, ist dieser ein hohes Gut und sollte entsprechend behandelt werden. Wichtig ist, dass das öffentliche Interesse gut und konzeptionell artikuliert ist. Wir haben einige Diskussionen mit den Behörden geführt, gerade auch hinsichtlich des Weinverkaufs auf dem denkmalgeschützten Gelände. Im Laufe der Gespräche konnten wir uns jedoch einigen, denn es geht immer darum, dass beide Seiten gegenseitig erklären und dann zur Erkenntnis gelangt, was für beide am besten ist.

Auch mit unseren Ingenieuren und Lieferanten hat alles gut geklappt, gerade auch die schwierige Klimatisierung der unterirdischen Räume oder die komplexe Herstellung der Wände aus Spritzbeton. Gerade wenn man Beton verwendet, muss man präzise arbeiten.

Wie lief die Zusammenarbeit zwischen Architekt und Bauherr?

Dadurch, dass wir befreundet sind, war die Zusammenarbeit sehr harmonisch und eine sehr gute Erfahrung. Auch, dass der Graf von vornherein selbst am Projekt beteiligt war, hat wohl zu dem guten Gelingen beigetragen.

Würden sie heute etwas anders planen und was würden sie einem Winzer, der jetzt ein neues Weingut bauen möchte, als Rat mitgeben?

Bei Manincor hat sich der Graf einige Jahre nach der Fertigstellung des Baus dazu entschieden, den Wein ganzheitlich und biodynamisch anzubauen, also nach den anthroposophischen Grundgedanken. Hätten wir das während der Planung gewusst, wäre es natürlich spannend gewesen, diese Gedanken in den Entwurf einzuplanen – ich habe da weniger Ecken und Kanten vor Augen; der Bau würde sicherlich etwas weicher sein.

Wenn ich heute mit der Planung betraut werden würde, dann würde ich die neue Programmatik in den Entwurf einarbeiten, besonders die biodynamischen Vorgaben.

Ich würde als Rat für Winzer mitgeben, dass bei neuen Projekten das Programm lange und ausführlich geplant werden sollte, außerdem ist es wichtig, viel mit dem Bauherrn zu sprechen und sich abzustimmen. Auch das Einbringen der Haltung des Bauherrn in den Entwurf ist relevant, denn die Beziehung zwischen Architekt und Bauherr ist vergleichbar mit einem „Ping-Pong“ Spiel und lebt von dem Austausch.

Kommen wir zur letzten Frage, wie sehen Sie die Weinarchitektur als Baustein für das Marketingkonzept eines Weinguts?

Ich glaube, dass die Architektur eines Weinguts unmittelbar mit der Marke und der Philosophie des Weinguts verknüpft ist und auch dafür sorgen kann, dass neue Interessentengruppen erschlossen werden können.

Nehmen wir Manincor als Beispiel: Das Weingut an sich war zur Zeit des Neubaus quasi wieder neu gegründet worden und hatte noch keinen richtigen Ruf in der Weinwelt, durch den Neubau ist es dann sogar international bekannt geworden und es kamen Leute aus aller Welt, nur um sich den Bau anzuschauen. In dieser Zeit stand der Wein an zweiter Stelle. Mittlerweile hat der Wein ein gewisses Standing erhalten und es hat sich nun umgekehrt, der Wein ist an erster Stelle und die Architektur an zweiter.

Wein hängt auch immer stark mit Kultur und Ästhetik zusammen, Weintrinker sind in der Regel auch immer Ästheten, die darauf Wert legen, wie der Wein präsentiert ist, da ist auch der kulturelle Hintergrund wichtig. Dabei muss man aber immer beachten, dass das Ganze authentisch bleibt und zum Weingut passt.

Das Interview führte Mandana Bender.

Foto: Archiv BILDRAUM 2004
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