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An die grünen Wurzeln der Moderne

Katrin Lesser ist eine Radikale im besten Sinn. Die besondere Leidenschaft der Garten- und Landschaftsarchitektin gilt dem Gartendenkmal. Sie hat die Vorgärten der Berliner Hufeisensiedlung ebenso wiederhergestellt wie die Außenanalgen der Gartenstadt Falkenberg – beides Weltkulturerbestätten der UNESCO. Doch ihre Arbeit hat viele Facetten: In Dahlem schuf sie den Garten für eine von David Chipperfield gestaltete Villa

„War mein Urgroßvater denn so wichtig?“. Katrin Lesser staunte sehr über das Thema, das ihr Professor für Landespflege für ihre Diplomarbeit vorschlug: Ludwig Lesser. Wichtig war der 1869 geborene Berliner Gartenarchitekt tatsächlich. Das wurde Katrin Lesser bewusst, als sie im Keller ihres Elternhauses auf eine alte Holzkiste des Urgroßvaters stieß, die sich als wahre Schatzkiste erwies: Etwa 100 historische Glasplattendias von Plänen und Gärten befanden sich darin. Wertvolle Dokumente, denn neben zahlreichen Villengärten hatte Ludwig Lesser unter anderem die Grünanlagen der Weltkulturerbe-Siedlungen Weiße Stadt und – gemeinsam mit Bruno Taut – der Gartenstadt Falkenberg geplant.

Urenkelin Katrin tauchte tief ins Thema ein. Im Rahmen der Recherche pflegte Katrin Lesser regen Austausch mit dem Berliner Denkmalamt. Als dieAbteilung Gartendenkmalpflege ihr nach dem Diplom eine Stelle als freie Mitarbeiterin anbot, zog sie 1993 von Süddeutschland nach Berlin, wo sie sich mit einem Büro für Garten- und Landschaftsarchitektur selbständig machte.

 

„Etwa dreißig Prozent meiner Aufträge kommen aus dem Bereich Denkmalpflege“, schätzt Katrin Lesser. Nicht selten führt sie ihre Arbeit auch in Anlagen, die der Urgroßvater entwarf. So stellte sie sowohl Grünanlagen der Weißen Stadt als auch der Gartenstadt Falkenberg denkmalgerecht wieder her. Für die eigenen Gestaltungsgrundsätze habe sie viel von Ludwig Lesser gelernt, sagt Katrin Lesser: „Manchmal stelle ich mir vor, was er wohl überlegt hat“. Dann stelle sich eine „unbändige Freude“ darüber ein, in einer Familientradition zu stehen, denn auch ihr Großvater, Richard Lesser, war Gartenarchitekt.

In der von Bruno Taut erbauten Hufeisensiedlung war Katrin Lesser mit der Wiederherstellung der Vorgärten betraut: Die Expertin ließ den nur vier Meter breiten Vorgartenstreifen rund um das ikonische Reihenhaus-Hufeisen mit 98 Robinien bepflanzen. Um ein homogenes Gesamtbild wiederherzustellen, hat die „Perfektionistin im Guten wie im Schlechten“ in norddeutschen Baumschulen jeden ihr geeignet erscheinenden Baum mit dem Zollstock vermessen. In der Hufeisensiedlung reihen sich die Robinien nun aneinander „wie eine Perlenkette“.

Katrin Lesser kann sich auf ihr Gespür verlassen – sie bezeichnet sich selber als „Trüffelschwein“. Einen Trüffel allererster Güte fand sie in einem Haus in der Hufeisensiedlung, wo sie und ihr Mann Ben Buschfeld erstaunlich viel alte Bausubstanz entdeckten. Das Paar kaufte und restaurierte das Gebäude und vermietet es an Designinteressierte aus aller Welt. Diese erleben in „Tautes Heim“ eine Zeitreise der besonderen Art: Jedes Detail ist originalgetreu renoviert und atmet Geschichte – von den originalen Kachelöfen bis hin zum Steinholzboden. Der Garten mit Obstbäumen und Zierpflanzen dient – ganz im Sinne des Gartenarchitekten Leberecht Migges – als„erweiterter Wohnraum“.Aufgrund der ebenso behutsamen wie innovativen Restaurierung und dem neuartigen Vermittlungskonzept, erhielt Tautes Heim unter anderem den Europa Nostra-Award und die Ferdinand von Quast-Medaille.

An Tauts Siedlungsbauten imponiere ihr vor allem die in jedem Detail spürbare Menschenfreundlichkeit, erklärt Lesser.Leider gehen nicht alle Eigentümer der 679 Siedlungshäuser sensibel mit dem Weltkulturerbe um. Das harmonische Erscheinungsbild ist heute teilweise gestört. An Stelle der ursprüngichen Ligusterhecken stehen in einigen Vorgärten nun zum Beispiel auffällige Briefkästen oder Autos. „Alle ziehen wegen der Umgebung her und merken nicht, dass kleine Veränderungen in der Gesamtsumme fatal sind“, bedauert die Denkmalexpertin.

Text: Inge Pett

Titelbild: Die besondere Leidenschaft der Garten- und Landschaftsarchitektin Katrin Lesser gilt dem Gartendenkmal. Sie hat die Vorgärten der Berliner Hufeisensiedlung ebenso wiederhergestellt wie die Außenanalgen der Gartenstadt Falkenberg. In Dahlem schuf sie aber auch den Garten für eine von David Chipperfield gestaltete Villa. Foto: Studio 10117